Sehnsucht nach Normalität

Kaum ein Wort, neben Corona-Krise, oder -Diktatur, oder –Blase, oder –Chaos, Impfpflicht, Lockdown, Brennpunkt, wird in der Zeit des grassierenden Covid-19-Virus so häufig bemüht und beschworen wie Normalität. Und „es geht ein Gespenst um“, das der neuen Normalität. Nach der alten sehnt man sich, da wollen die Politiker, die Ökonomen, die Bürger hin. Doch was ist Normalität?

Da hilft zunächst ein Blick in ein Lexikon. Wikipedia, das Volkslexikon, führt zwei Erklärungsversuche an, einen aus der Soziologie, einen aus der Psychologie.

Normalität bezeichne demnach in der Soziologie das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden müsse. Dieses Selbstverständliche betreffe soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt.

Die Psychologie erkläre Normalität als ein erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, behandlungsbedürftigem, gestörtem, abweichendem Verhalten.

Das sind knappe Erklärungen, die nicht normalitätsgerechtes Verhalten flugs in die Ecke behandlungsbedürftig oder gestört verweist. Auch scheint man über Normalität nicht mehr diskutieren zu müssen, es ist eine Selbstverständlichkeit, Abweichungen deuten darauf, dass in Erziehung und Sozialisation etwas schiefgelaufen sei. Nun, so simpel sehen selbst Soziologen und Psychologen das Thema Normalität nicht.

Der Verweis am Schluss der kurzen Erklärung auf Spektrum.de, das Lexikon der Psychologie, hilft auch nicht viel weiter. Zum einen findet sich dort der Grundtext für den Wikipediaeintrag, zum anderen der Verweis auf verschiedene psychologische und psychotherapeutische Lehransätze. Im Zentrum steht auch dort das abweichende Verhalten als Krankheitsform, sie reicht vom erlernten, dann unveränderbaren abweichenden bis zum medizinisch-psychiatrischen Verhalten. Der knappe Hinweis, dass das Verhalten und die Definition von Normalität kulturabhängig und von der sozioökonomischen Basisstruktur abhängig sind, also von sämtlichen Bedingungen der einzelnen Gesellschaften und auch der Zeit, in der sich diese Gesellschaften befinden, ändert nicht viel an der Grundtendenz des Artikels. Die Psychotherapie wird demnach dazu benutzt, abweichendes Verhalten und psychische Erkrankungen, die teilweise aufgrund der bestehenden Verhältnisse entstehen, also aufgrund der bestehenden Normalität, wieder an diese Normalität anzupassen, den Erkrankten zur Aufrechterhaltung der Produktivität zu „heilen“, damit er im allgemein anerkannt Selbstverständlichen funktioniert.

Einigen wir uns, um das Thema zu simplifizieren, auf die Definition: die Normalität ist das Selbstverständliche, das, wie es ist, das, wie es sein soll, das, was so bleiben soll. Bürger, auf der Straße gefragt, wünschen sich, dass es so werde wie vorher, Politiker und besonders Ökonomen fordern den Zustand wie vor der Corona-Krise. Aber was wünschen sie sich? – gab es doch am Anfang der Pandemie auch euphorische Stimmen, die eine Chance zu Veränderungen sahen – oder zumindest doch erhofften –, im Persönlichen, im Umweltschutz, im Verkehr, in den Schulen, an der allgemeinen Situation, in den zwischenmenschlichen Beziehung und den Lebens- und Arbeitsverhältnissen.

Jetzt, nach Monaten der Pandemie, den verschärften Einschränkungen wird die Normalität herbeigesehnt, das Normale, das Gewesene.

Aber womit zeichnete sich das Normale, das Gewesene, eben die Normalität vor dem Ausbruch des Virus aus?

Normal, also selbstverständlich war, dass die Geschäfte geöffnet hatten, dass man sich ohne Abstand und ohne Maske in seiner und jeder anderen Welt bewegen konnte; dass man keine Rücksicht auf andere nehmen musste, sich vordrängeln konnte, außer in Ländern, in denen das In-der-Reihe-stehen schon Kindern gelehrt wird; dass man mit seinem Auto, ein möglichst großes und Status schaffendes, in jeden Winkel dieses Landes fahren konnte, ohne vielleicht in jenem Winkel zu einer Quarantäne verpflichtet zu werden; dass man sich in den Nachrichten auch über andere Themen als die Pandemie informieren konnte, und nicht erst am Rande erfährt, dass Flüchtlinge in Bosnien-Herzegowina, einem aussichtsreichen Kandidaten für den Beitritt in die EU, im Schnee, bei Minusgraden, in provisorischen Zelten hausen, und von der Hand in den Mund leben müssen, dass Milliarden ausgegeben werden, um weitere Autobahnen zu bauen, ohne den öffentlichen Nah- und Güterverkehr auch nur ansatzweise zu berücksichtigen; dass – die Liste ließe sich ins ad infinitum fortführen. Das war und ist das Gewesene, dahin wünscht man sich zurück, ohne zu erkennen, dass das Gewesene nie aufgehört hat, zu existieren. Es ist nur ein wenig aus dem medialen Focus verschwunden. Die Normalität findet nur unter anderen Bedingungen statt, die Umweltverschmutzung und die Erwärmung der Atmosphäre finden weiter statt, das Artensterben auch, die Kommissionen und Arbeitstreffen auch; die Rodung der Regenwälder macht keine Pause, Millionen von Quadratkilometer werden für die auf Soja basierende Milch oder die Veggiburger, für den Anbau von billigem Palmöl in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie oder Getreide für unseren Biosprit oder für Weideflächen, um noch mehr Rinder für unseren übermäßigen Fleischkonsum halten zu können, geopfert. Und auch die Verhandlungen um ein Wirtschaftsabkommen mit den für die Rodungen zuständigen Regierungen gehen weiter, um unsere Bedürfnisse des immer mehr zu befriedigen. Die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößert sich weiter. Und wir alle häufen den Reichtum der Pichais, Zuckerbergs, Bezos, Musks und der Influenzer-Sternchen am Instagramhimmel auf. Die Sucht nach Immer mehr, nach Wachstum, das von Finanz- und Realmärkten, Ökonomen und Politikern wie ein Götze, vielleicht auch wie ein monotheistischer Geldgott angebetet wird, nach Profitmaximierung, nach explodierenden Kursgewinnen, das ist die Sehnsucht nach der Normalität.

© 2021 Norbert Gramer. Aus unveröffentlichtem Manuskript: Tanzbären 2.

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