Dumm, dümmer 1: ein Horrortrip durchs TV-Vorabendprogramm

Jeden Abend, vor acht. Ab etwa sechs Uhr. Da erfahren wir in kleinen, portionierten TV-Spots ‑ unverzichtbar, unentrinnbar, jedenfalls für die, deren Fernbedienung keine Off-Taste mehr besitzt ‑ etwas über die Welt der wirklich Wichtigen, der VIPs, der Celebrities, der G- bis Z-Prominenten, der Promis, wie wir Kenner, wir Eingeweihten sagen, der Reichen ‑ eine Sondersendung widmet sich exklusiv den Superreichen ‑ und doch so Geplagten, aber auch der Aussortierten. In Soaps geben uns jene Gs bis Zs ein Beispiel ihrer Schauspielkunst, lächerliche Dialoge, lächerliche Mimik, lächerliche Posen ‑ Possen? ‑ wie ein Trupp Laienschauspieler, nein, schlechter, jede Theater-AG an Gymnasien mimt besser.

Wir lernen in dieser Zeit vor acht wie dünn, wie unwichtig doch unser alltägliches Leben ist, so ohne Spannung, ohne Highlight, ohne … alles, alles, was zählt.

Zu wem oder was leiten uns die sonnengebräunten, glatten, gestylten Moderatorinnen und Moderatoren? An welchem und wessen Leben dürfen wir gnädigerweise teilhaben? An dem gestylter Models, reicher, so genannter Influenzer – heißt: Verführer, Verführer kleiner Mädchen, die ihnen zu Tausenden folgen, ihre angepriesenen Produkte kaufen, so sein wollen, wie sie. An dem der Reichen und Schönen, oft auch nur schön operierten, geglätteten, die beim näheren Betrachten gar nicht mehr so schön sind, an den Leben der Unerreichbaren, der Angebeteten, der Unberührbaren (unberührt? passt hier nicht wirklich gut) und Ungerührten, der für Normalsterbliche Unerreichbaren … „Was tat man den Mädchen“ sang Konstantin Wecker vor 30 Jahren, „Man verdirbt sie mit Prinzen/und statt ins Leben zu sinken/wollen sie fliegen/und ertrinken“ (schöner Gedanke) … Mittlerweile ist das das Leben. Style, VIP, das Ich als Reklame, jedes Gesicht ein aufgespritzter Werbeträger. Die schmarotzenden VIPs leben von Ertrunkenen. Heute brauchen wir die Moderatorinnen und Moderatoren nicht mehr – nur noch für ältere Zuschauer -, in Zeiten von Instagram und Twitter und Facebook und YouTube können die Gs bis Zs direkt und ohne Mediation in die Hirne junger Menschen kriechen und deren Teilhabe zur Selbstaufgabe pervertieren.

Aus: Tanzbären und Stabpuppen. Vom alltäglichen, politischen und religiösen Wahnwitz. Rubrik: Mediales und anderes aus der Welt von  Kitsch, Kultur und (Un)Bildung

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