ES IST GENUG! XXVIII,1: Kollektive Dummheit (Anlass: jüngste Proteste gegen Abtreibung in den USA)

Zwei Dinge sind unendlich,
das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
(Albert Einstein)

Nein, es geht nicht um die Bundesrepublik mit ihrem Mittelfeldspiel im Pisa-Ranking, mit ihren freien Bürgern, die sich jeden Abend verzückt von den Neuigkeiten der Promiszene, von den Reichen und Beneidenswerten und Schönen, bedämmern lassen und für die kommenden Superstars, Supertalente, Supermodels „voten“, mit ihren Politikern, die immer nur alte Antworten auf neue Fragen haben, die sich nur allzu gerne von Konzernen, Banken, Spekulanten über den Tisch ziehen lassen. Nein, darum geht es nicht. Es geht um die Vereinigten Staaten. Da wird jetzt fast jeder sagen: Na ja, dumm sind die schon lange, nichts Neues, Amerikaner, durchweg geschichtslose, fast-food-verschlingende Hinterwäldler. Da rümpft der selbst auf dem hohen Ross der Verdummung sitzende Bundesrepublikaner, der Deutsche, der Erbe der Dichter und Denker mit seiner intellektuellen Geschichte im Nacken die Nase über die doch eher schlicht veranlagten Amerikaner. Ein hochnäsiges und hochstaplerisches Bauchgefühl, das der Illusion entspringt, die intellektuellen Kräfte der Vergangenheit würden ohne eigene Mühe die eigene gegenwärtige intellektuelle Leere füllen. Falsch. Die wenigen Worte über die Verdummung in den USA spricht die der bundesrepublikanischen Bürger nicht frei.

Doch nicht Bauchgefühl, sondern, zumindest schein-wissenschaftliche Herangehensweise soll den Verdummungstrend (auch er ist global, wie Wirtschaft und Finanzwesen) nachweisen.

Dazu gehört an den Anfang eine Definition – oder zwei, oder drei, auch eine Abgrenzung gegenüber der Blödheit: Der Brockhaus liefert keine für den Begriff Blödheit oder Verblödung, alternativ begnügen wir uns mit der der Dummheit. Sie bezeichnet der Brockhaus als „Mangel an Intelligenz, geringe Begabung, herabgesetzte kognitive Fähigkeiten und Leistungen […] Unvermögen oder verminderte Vermögen, logisch zu denken und zu handeln“. Die freie Enzyklopädie Wikipedia leitet die Worteingabe Dummheit sofort zur Blödheit um, weil sie heute gleichzusetzen seien, und definiert etwas umfangreicher, erläutert auch Bedeutungsgeschichte und -wandel. Zuerst bezieht sie sich auf Pierers Universallexikon aus dem Jahr 1857, das zwischen einer Blödheit als „Schwäche des Verstandes, welche eine Unklarheit u. Verworrenheit der Vorstellungen veranlasst“, und einer Blödheit als eine „aus Mangel an Selbstvertrauen entsprungene Furchtsamkeit im geselligen Umgange, Ängstlichkeit durch sein Benehmen gegen den Tact od. die Sitte zu verstoßen“, unterscheidet. „In Kirchner/Michaëlis Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe, führt der Artikel weiter aus, wird Blödigkeit als ‚die aus Urteilsschwäche und Mangel an Selbstvertrauen entspringende Schüchternheit im Verkehr mit anderen’ beschrieben“. Diese ältere Definition, in der noch die Schwäche, Scheu und Schüchternheit als Ursache der Blödheit im Vordergrund stand, auf das auch das Wort entblöden (Erläuterung für jüngere Leser, deren Deutschunterricht über Populärliteratur nicht hinausreichte, entblöden bedeutet: erkühnen, erfrechen) deutet, ist heute kaum noch gebräuchlich. Heute gilt, was schon in dem Strein-Linsmairscher Entwurf des niederösterreichischen Landrechts von 1599 steht: „menschen, welchen das vermögen, die folgen ihrer handlungen zu überlegen, ermangelt, werden blödsinnig genannt“. Die Blödheit oder die Schwäche des Verstandes, der Mangel an Erkenntniskraft oder logischem Denken hat jedoch, so betont Horst Geyer in seinem Buch Über die Dummheit. Ursachen und Wirkungen, nicht mit mangelnder Intelligenz zu tun, er unterscheidet zwischen dummem Verhalten infolge zu niedriger, trotz normaler oder infolge zu hoher Intelligenz. Auch Johann Christoph Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart aus dem Jahr 1793 unterscheidet noch zwischen Dummheit und Blödigkeit. So definiert es die Dummheit als „Mangel der natürlichen Fähigkeit des Verstandes, oder doch ihres Gebrauches, Unbesonnenheit, Unwissenheit“, die Blödigkeit als „Schwäche […] des Geistes“ mit einer Nähe zu „Wahnsinn und Thorheit“ und als Schüchternheit, Zaghaftigkeit, unzeitige Scham.

Nun wissen wir, was Blödheit, und was Dummheit ist. Was aber sind die Indizien dafür, dass ein Land, nein nicht das Land, sondern ein großer Teil seiner Bevölkerung, verdummt. Alle Geyerschen Unterscheidungen in Verbindung mit der Definition des Strein-Linsmairschen Entwurfs und der Adelungschen Deutung, wobei auch der erste Teil der Blödigkeitsdefinition sicherlich nicht zu vernachlässigen ist, kommen hier zur Anwendung. Greifen wir ein paar ältere Glieder aus der langen Beweiskette als Beispiele heraus …

© 2013 Dr. Norbert Gramer

Auszug aus dem Buch:  Ich vor Du oder ES IST GENUG!
Video zu “Ich vor Du oder Es ist Genug”

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