Zum „Writers in Prison Day“ 15.11.2013

Maulkorb, Gefängnis und Tod

Ein kurzer Bericht über die tunesische Lyrikerin Nadschet Adouani im Morgenmagazin, die wegen Gewaltandrohung salafistischer Kreise ihr Land verlassen musste, erinnert an den „Writers in Prison Day“. Er wird wohl kaum von politischer Seite kommentiert, wahrscheinlich kaum wahrgenommen. Dabei steht das Schicksal Adouanis stellvertretend für Hunderte Autoren und Journalisten, die alljährlich getötet, ermordet, entführt, festgenommen und in ihrer Arbeit behindert werden.
Das wird zur Kenntnis genommen. War schon immer so. Betrifft ja auch nur Krisenregionen und diktatorische Staaten. Das ist da eben so. Leider nicht nur. Sicherlich, die meisten Übergriffe gegen Journalisten und andere Medienmitarbeiter geschehen in Pakistan, Mexiko, Irak und Iran, auf den Philippinen, Honduras und Thailand, Afghanistan und Nigeria, Eritrea, Sudan, Syrien, Russland oder der Türkei (das ist keine vollständige Liste), aber auch verstärkt in Europa und der GUS-Region, in der Ukraine, Aserbaidschan und Belarus. In den westlichen Demokratien ist ebenfalls ein Anstieg von Maßnahmen gegen Journalisten und die Medien zu verzeichnen, die deren Arbeit einschränkt, beschränkt, zensiert: In Frankreich und Griechenland, Bulgarien und Großbritannien, den USA, die in der WikiLeaks- und jüngst der Snowdon-Affäre eine unrühmliche Vorstellung lieferten und weiterhin liefern, in Ungarn, wo die Politik mit einem quasi-diktatorischen Handstreich die Presse zum Staatsorgan umfunktioniert und gegen widerspenstige Journalisten Sanktionen und Strafen verhängt – auch dazu schweigt die politische Crème de la Crème der europäischen Gemeinschaft, oder kritisiert verhalten, für alle schmerzfrei. Ihr scheint es ganz Recht zu sein, wenn einigen Journalisten ein Maulkorb verpasst wird. Außer, wenn sie gerade den politischen Gegner aufs Korn nehmen. Die Skandale und Skandälchen um WikiLeaks haben das nur zu deutlich gezeigt. Nahezu unisono wurden die Veröffentlichungen unter dem Deckmantel der angezweifelten Seriosität oder der nationalen Sicherheit kritisiert.

Wenig Resonanz haben die Angriffe auf die Pressefreiheit aber auch in den Medien selbst. Man bäumt sich kurz auf, besonders Die Zeit, auch Spiegel und Focus werfen ein kritisches Schlaglicht auf die politischen Irrwege und wenden sich wieder der Tagespolitik zu. Das, was in früheren Zeiten investigativer Journalismus genannt wurde, ist längst verkommen. Als investigativ versteht sich heute auch der Paparazzo, der journalistische Berufsspanner, der die Neuigkeiten der C-Z-Promis erforscht und die peinlichsten Situationen entdeckt. Damit ist das investigative Bedürfnis des Publikums befriedigt. Im Sumpf von Desinteresse und Resignation auf Seiten der Bevölkerung und einem verklemmten Stillhalteabkommen zwischen Politik und Journalismus (nach dem Motto. eine Hand wäscht die andere; das mit den Raben und deren Augen würde hier auch passen) auf der anderen versickert investigativer Journalismus; dazu genügen in westlichen Demokratien meist sanfter Druck, gemeinsame Absprachen und Gleichschaltung der Interessen, in totalitären Staaten Gewalt und Unterdrückung – das Ergebnis ist dasselbe.

© 2013 Dr. Norbert Gramer

aktualisierter Auszug aus dem Buch:  Ich vor Du oder ES IST GENUG!
Video zu “Ich vor Du oder Es ist Genug”

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