Politiker und ihre Geschichte(n)

Mit der Geschichte stehen viele Politiker auf Kriegsfuß. Wenige Kenntnisse paaren sich mit der kruden Vereinnahmung historischer Geschehnisse und beschämenden Fehlinterpretationen.
Vor einiger Zeit wurde der Berliner Oberbürgermeister von Kinderreportern gefragt, von wann bis wann der Zweite Weltkrieg stattfand – es wurde nur nach den Jahreszahlen gefragt. Seine Antwort lässt eklatante Lücken in seinen Geschichtskenntnissen vermuten, denn er ließ den Krieg zu früh beginnen, allerdings dauerte er bei Klaus Wowereit nicht so lange.
Volker Gauland, ehemaliger Staatssekretär des hessischen CDU-Ministerpräsidenten Walter Wallmann, verstieg sich zu der Äußerung, dass die Deutschen akzeptieren müssten, was Bismarck einmal sagte: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden […], sondern durch Eisen und Blut“ (nach Jürgen Roth: Spinnennetz der Macht) – ein seltsam anmutendes Demokratieverständnis verbirgt sich hinter dieser Aufforderung an die „mündigen“ deutschen Bürger.
Nach den ersten Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU wurde Thomas Oppermann gefragt, wie die Gespräche verlaufen seien. Auch er griff tief in die historische Mottenkiste und verglich sie zum Teil mit dem Wiener Kongress. Eine Nummer kleiner wäre nicht so peinlich gewesen. Der Wiener Kongress von 1814 hatte eine enorme Bedeutung für Europa, er führte zu einer vollkommen neuen staatlichen Ordnung und Ausrichtung, aber auch zur Heiligen Allianz, zur Restauration und zur Unterdrückung liberaler Strömungen.
Die Ereignisse und Äußerungen sind unabhängig voneinander, zeitlich und inhaltlich. Aber sie spiegeln Einstellungen vieler Politiker wider, die die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern: Vergessen, Großmannssucht und Konzentration der Macht auf einige Wenige ohne Beteiligung des Volkes.

Im Oktober 2013 hat Georg Büchner seinen 200. Geburtstag. Es finden kaum öffentliche Feiern zu seinen Ehren statt, eher feuilletonistische Nachrufe. Dabei ist der Aufruf in seinem Hessischen Landboten: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ so aktuell wie ehedem. Die Machtkonzentration auf einzelne wenige Staatsführer, Konzerne, Politiker und bespitzelnde außerstaatliche Geheimorganisationen, die sich wie Geheimdienste diktatorischer Staaten über jeden Schritt und jeden geschriebenen und ausgesprochenen Gedanken der Bürger unangetastet informieren können, werden die Demokratie zerstören. Also Bürger: Wacht auf und wehrt euch! Lasst euch nicht wie Spielpüppchen auf einem Schachbrett herumstoßen zum Wohle der herrschenden Damen und Könige.

Denkt an Erich Kästners Worte:

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!

© 2013 Dr. Norbert Gramer, Loon-art

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