Ferne und …

George beobachtete noch immer die Wolkentürme. Riesige weiße Berge wechselten mit kleinen Wolkenbällen, weißen Schlieren und Nebelfetzen, kondensiertes Schauspiel in weißen und grauen Farbtönen vor gebleichtem blassblauem Himmel. Die Sonne stand hoch, entzog der tiefen Bläue Kraft und Intensität, die Ränder der weißen Schäume glitzerten.

Ostküste der Vereinigten Staaten. Ostküste Amerikas. Américas. Küste der Hoffnungen, der erfüllten und enttäuschten.

In der Ferne spiegelten sich alte Bilder, alte Erinnerungen. Lange bevor Kolumbus nach stürmischer Seefahrt am 12. Oktober 1492 mit seinen Karavellen Niña, Pinta und seinem dreimastigen Flaggschiff Santa Maria 24°N und 74°30’W die Insel Guanahaní erreichte und sie demütig, im Angedenken an Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien, San Salvador, Heiliger Retter, nannte, Retter des Imperiums einer alten Welt, sie im Namen der katholischen Majestäten in Besitz nahm und mit seiner Entdeckung das Tor zur Invasion und Kolonisation Amerikas, zur Versklavung und Entrechtung der amerikanischen und auch afrikanischen Urvölker aufstieß, Land und Menschen in die Verfügungsgewalt der europäischen Eroberer, Plantagenbesitzer, Bankiers, Staats- und Kirchenführer übergingen, und heute noch werden sie bestimmt von multinationalen Konzernen und Banken, vom internationalen Industrie- und Finanzkapital; lange bevor der selbst ernannte Stellvertreter Gottes gute und gottesfürchtige, gelehrte und weise und erfahrene Männer, Scheiterhaufen und Ave-Maria und Vaterunser zu den Eingeborenen der neuen Inseln schickte, die Versklavung der Arawak-Insulaner begann, Variola Hunderttausende mit schwarzem Tod überzog; lange bevor der Obsidiendolch Herzen aus jungen Brüsten schälte, Diego de Salazar die Kaziken schlachtete; lange bevor Martín Fernández de Enciso den Indios vom Sinu die Stufenleiter göttlicher Hierarchie und die Besitznahme ihres Landes durch König Don Ferdinand und Königin Doña Isabella, die Barbarenbezwinger, verkündete, die Kaziken aufforderte, das Land zu verlassen oder Tribut in Form von Gold zu entrichten; lange bevor der Henker Francisco Pizarro auf Kolumbus‘ letzter Reise in der neuen Welt landete und das grüne Paradies mit Feuer und Schwert überzog, und die Konquistadoren das in der alten Welt löffelweise verkaufte Blut Christi mit dem Blut der Indios vermischten, um mit ihm die heiligen Kriege gegen den islamischen Halbmond zu finanzieren; lange bevor Menschenblut die Hänge der Silbergruben dunkel färbte; lange bevor die letzten überlebenden Soldaten des Pánfilo de Narváez nach verzehrender Reise durch Florida, das Mississippi Delta und Texas sich von dem Fleisch ihrer toten Gefährten ernähren mussten, der enttäuscht goldsüchtige Francisco Vasquez de Coronado aus dem Norden Amerikas sich zurückzog; lange bevor John Cabot das englische Georgs- und das venezianische Markusbanner in die nord-amerikanische Erde stieß, die coureurs de bois in den Norden eindrangen, Samuel de Champlain für die französische Krone die Terres Neufves erschloss, die Ureinwohner, Huronen, Irokesen, Algonkin in die Händel der Kolonialmächte verwickelt wurden, Franziskaner und Jesuiten mit der Missionierung begannen; lange bevor das Tal des Großen Flusses, Mississippi, zu Ehren des Roi Soleil Luisiana getauft wurde, die ersten Handelsposten in Neu England den Kern einer modernen Industriegesellschaft legten, um die Terres Neufves zwischen den europäischen Großmächten ein vieljähriger Besitzkrieg ausbrach, die Eingeborenen von den Kolonialmächten zur Arbeit auf Feldern und Bergwerken gezwungen wurden, Hunderttausende ins Christentum geknechtet wurden; lange bevor die Langen Jäger Händlern und landfiebrigen Spekulanten, Farmern und Siedlern die Wege ebneten, Meriwether Lewis und William Clark die frontier nach Westen zum Zwecke des Handels bis an den Pazifik trieben; lange bevor die Mayflower sich an die winterneblige Küste Cape Cods verirrte, Puritaner und Separatisten das Land einnahmen, neu kolonialisierte Landstriche annektiert oder an Joint Stock Companies verliehen wurden, Landhandel und Menschenhandel sich gleichermaßen entfalteten; lange bevor das erste Schiff afrikanische Sklaven an die Ostküste Amerikas brachte, eingepfercht, wie Vieh gehaltene Vorhut eines entrechteten Millionenheers; lange bevor der Hunger nach Land Tausende Einwanderer in den Westen lockte, die Ureinwohner Amerikas ausgerottet oder verdingt, zwangsweise umgesiedelt und gefangen gehalten, ihres Landes beraubt und betrogen wurden, der Kontinent ausgebeutet und besetzt war, der Markt den Kontinent zu beherrschen begann; lange bevor – da lebten einst an einem fernen Ort, weit im Norden Menschen und Geistwesen, Seelen und Tiere unter einem See mit dem Namen Sandiger-Ort-im-See-des-Nordens. Über dem See lag nur ein leises Singen. Junge Wolkenblüten tanzten in der Brandung. Das Land lag im Regen, und im Zwielicht des anbrechenden Tages erhob sich ein brüchiger Regenbogen. Der Tod war unbekannt. Unter den Geistwesen waren auch die Mütter aller Tewa, die Frau Blauer-Mais-nahe-zum-Sommer und das Mädchen Weißer-Mais-nahe-zum-Eis.

Eines Tages baten die Mütter einen der Männer, einen Weg zu erkunden, auf dem die Menschen den See verlassen könnten. Der Mann begab sich alsbald auf den abenteuerlichen und beschwerlichen Weg nach oben. Unterwegs wurde er von Raubvögeln, Adlern, Geiern, Krähen, von Wölfen und Füchsen, Pumas und Bären bedroht und angegriffen, doch schon wenig später wurden sie seine Gefährten. Mit ihren Gaben beschenkt, ihren Waffen ausgerüstet und in ihre Felle gekleidet, kehrte er zu den anderen Menschen zurück. Die nannten ihn Berglöwe oder auch Häuptling der Jagd und riefen voller Freude aus:„Wir sind aufgenommen von der Welt über uns“.

Bald darauf verließen sie den See und betraten das Land. Einem der Männer übergab der Häuptling der Jagd einen Kolben des Blauen Mais mit den Worten: „Du wirst unsere Leute während des Sommers führen und beschützen“, einem anderen reichte er den Kolben des Weißen Mais und sagte ihm: „Du wirst während des Winters die Führerschaft übernehmen“. Daraufhin teilte er jedem Anführer eine Gruppe zu; und auf ihrem Weg nach Süden zog die eine Gruppe, die des Sommers, an der Westseite des Rio Grande entlang, die andere, die des Winters, an der Ostseite. Im Laufe der Zeit wurden die Menschen, deren Anführer den Blauen Mais erhalten hatte, Bauern, die anderen aber, deren Häuptling den Weißen Mais bewahrte, wurden Jäger.

Doch die so entstandene Trennung währt immer nur ein Leben lang – oder alle Leben –, denn der Tod führt die Menschen des Sommers und die des Winters wieder zusammen, der Lebenskreis schließt sich endlich, poeh vereinigt das im Anfang schon Vereinte.

Auszug aus: Flug des Sandkorns. Dissonante Erzählung einer Reise, BoD: Norderstedt, 2021.

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„I had a dream … “ – Aus aktuellem Anlass

1973 stand ich auf der Plattform des Nordturms der Twin Towers und schaute in die 417 Meter tiefer liegenden Straßenschluchten. auf dem Südturm befanden sich noch Baukräne. Der Bau des gesamten Komplexes dauerte elf Jahre, die Zerstörung durch die Religionsverführten wenige Stunden.

Ich hoffe, dass sich am Ende des Lebens der Auge-um-Auge-Rachsüchtigen, die sich schon in voller Vorfreude auf die versprochene Erlösung befinden, für den Bruchteil einer Sekunde ein lachendes Gesicht zeigt, das höhnisch flüstert, oder polternd drohend wie der Scharlatan in L. Frank Baums The Wonderful Wizard of Oz ‑ „I am Oz, the great and terrible“ – grollt: alles Illusion, Einbildung, ausgedacht, vergackeiert, auf den Arm genommen, genarrt, zum Narren gehalten, veräppelt, verkohlt, verulkt, gefoppt, veralbert, an der Nase herumgeführt. Jetzt kommt nur noch das Nichts! keine Erlösung, kein Gott, kein Paradies oder so etwas. Alles umsonst! ‑ nur einen winzigen Moment, aber lange genug, um den dahinsiechenden Blumenkohl des Racheengels zu entsetzen, zu ängstigen, zur verzweiflung zu bringen.

Auszug aus: Norbert Gramer: Flug des Sandkorns. Dissonante Erzähung einer Reise, BoD, Norderstedt, 2021.

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Norbert Gramer: Flug des Sandkorns. Dissonante Erzählung einer Reise

Die Erzählung Flug des Sandkorns. Dissonante Erzählung einer Reise lässt sich nicht so leicht einem Gerne zuordnen. Wie der Untertitel andeutet, handelt es sich um eine Reiseerzählung, diese bildet aber nur den Rahmen für eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Situationen, Religion, Kunst und ihren Beziehungen zu den auftretenden Personen.
Sie besteht nicht nur aus verschiedenen Erzählperspektiven wie auktoriale, personale und selten auch Ich-Perspektive, sondern auch aus tatsächlichen Reisebeschreibungen, Zitaten aus der Literatur und Musik, Reflexionen, Tagebuchausschnitten, Beschreibungen touristischer Anziehungspunkte, Rekursen über historische Ereignisse, über Politik und Religion und selbst aus Prospekttexten und assoziativen Passagen. Dabei ergeben sich zeitliche und chronologische Sprünge von der Gegenwart in die Vergangenheit.

George, freier Reisejournalist, soll im Auftrag eines Verlegers gemeinsam mit dem Fotografen John James einen Bildband über zwei Inseln der Hawaii-Inselkette, Big Island und Kauai, erstellen. Schon auf seinem Flug verschwimmen für George die Grenzen von Realität und Phantasie, verschieben sich die Ebenen von Zeit und Raum.
Bevor George sich mit dem Fotografen trifft, besucht er bei einem mehrtägigem Zwischenstopp Südflorida und fährt von Miami über die Florida Keys und die Everglades bis nach Sankt Petersburg.
Von Tampa aus fliegt er nach Hawaii, um sich nicht nur mit John James, sondern auch mit seinem Freund Bertram, der, zivilisationsmüde, vor Jahren nach Hawaii ausgewandert war.
Die zeitlichen Dissonanzen, die auch schon den Aufenthalt in Florida mit historischen Einschüben und Reflexionen begleiten, werden besonders deutlich, wenn George auf dem Flug von Deutschland nach Miami schon im Tagebuch Bertrams liest. In der Erzählung folgen auf dem Besuch Floridas chronologisch der Flug nach Hawaii und das Treffen mit Bertram. Nach seiner Rückkehr erfährt er vom Tod Bertrams und erhält erst das Tagebuch. Die zeitliche Konfusion erhält keine Erklärung. Sie unterstützt vielmehr auch in der Rahmenhandlung die Schwankungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit.

Doch vor dem Szenario scheinbar heiler Landschaft wird die Berührung mit den Inseln insbesondere für George zu einer Begegnung mit seinem Ich, das Ausdruck der gesellschaftspolitischen und historischen Geschehnisse ist. Er erfährt sich selbst als Spiegelbild und Konglomerat der äußeren Welt.

Das Taschenbuch ist in allen Buchhandlungen und in online-Buchhandlungen wie genialokal.de, Thalia.de, hugendubel.de, Bücherwurm.de und vielen anderen erhältlich. In Kürze erscheint auch eine E-book-Version.

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Verschwörungserzählungen – eine kurze Einkreisung

In der Corona-Zeit blühen sie wieder, die Verschwörungserzählungen. Sie haben eine lange Geschichte, reichen bis in die Jahrhunderte vor der Zeitenwende. Das Spektrum reicht von lächerlichen bis zu gefährlichen, über manche kann man schmunzeln, andere führen zum Tod.

Betrachtet man Verschwörungserzählungen – zumindest verschwindet im allgemeinen und medialen Sprachgebrauch der Begriff Verschwörungstheorie langsam, denn mit Theorie hat eine Verschwörungserzählung nichts zu tun – grob, so kann man vier, durchaus ineinander verlaufende Kriterien oder Voraussetzungen feststellen – wobei der Kriterienkatalog keinen Anspruch auf Vollzähligkeit erhebt –, auf denen sowohl die Erzählungen der Erfinder als auch die Gläubigkeit der Anhänger der verschiedenen Verschwörungserzählungen basieren:

1. Eine intelligenzunabhängige Dummheit, 2. Blödheit, 3. Paranoia und 4., die gefährlichste, bewusste und bösartige Täuschung.

Die intelligenzunabhängige Dummheit bewirkt, dass Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse nur unter einer bestehenden oder vorgegebenen Meinung bewertet und ignoriert werden. Sie betrifft auch Personen, die durchaus studiert haben und verantwortungsvolle Berufe ausüben.

Für die Erläuterung der Blödheit greife ich auf die lexikalischen Einträge zurück: Der Brockhaus liefert keine für den Begriff Blödheit oder Verblödung, alternativ begnügen wir uns mit der der Dummheit. Sie bezeichnet der Brockhaus als „Mangel an Intelligenz, geringe Begabung, herabgesetzte kognitive Fähigkeiten und Leistungen […] Unvermögen oder verminderte Vermögen, logisch zu denken und zu handeln“. Die freie Enzyklopädie Wikipedia leitet die Worteingabe Dummheit sofort zur Blödheit um, weil sie heute gleichzusetzen seien, und definiert etwas umfangreicher, erläutert umfassend auch Bedeutungsgeschichte und -wandel. Zuerst bezieht sie sich auf Pierers Universallexikon aus dem Jahr 1857, das zwischen einer Blödheit als „Schwäche des Verstandes, welche eine Unklarheit u. Verworrenheit der Vorstellungen veranlasst“, und einer Blödheit als eine „aus Mangel an Selbstvertrauen entsprungene Furchtsamkeit im geselligen Umgange, Ängstlichkeit durch sein Benehmen gegen den Tact od. die Sitte zu verstoßen“, unterscheidet. „In Kirchner/Michaëlis Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe, führt der Artikel weiter aus, wird Blödigkeit als ‚die aus Urteilsschwäche und Mangel an Selbstvertrauen entspringende Schüchternheit im Verkehr mit anderen’ beschrieben“. Diese ältere Definition, in der noch die Schwäche, Scheu und Schüchternheit als Ursache der Blödheit im Vordergrund stand, ist heute kaum noch gebräuchlich. Heute gilt, was schon in dem Strein-Linsmairscher Entwurf des niederösterreichischen Landrechts von 1599 steht: „menschen, welchen das vermögen, die folgen ihrer handlungen zu überlegen, ermangelt, werden blödsinnig genannt“. Diese Personen können Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht bewerten oder begreifen.

Paranoide haben grundsätzlich ein Disposition oder Anfälligkeit gegenüber Verschwörungserzählungen, da ihr Krankheitsbild durch Wahnvorstellungen, Verfolgungswahn, Größenwahn, Angstzustände oder die Anerkennung der jeweils nur eigenen Welt und der Vorstellung dieser Welt gekennzeichnet ist.

Der bewussten und bösartigen Täuschung bedienen sich Personen, die Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse vorsätzlich umdeuten und zum Beispiel als Fake-News bezeichnen oder verbreiten, die wissenschaftlichen Erkenntnisse seien unwahr, von Wissenschaftlern oder Politikern in die Welt gesetzt, um andere Ziele, wie die Unterdrückung der Menschheit, zu erreichen – die Grenzen zum Verfolgungswahn sind fließend. Dagegen, so behaupten sie, enthielten ihre Meinungen, die auf erfundenen Ideologien gründen,  die einzige Wahrheit – nicht unähnlich den Behauptungen fundamentalistisch-religiöser Bewegungen. Diese bewusste Täuschung über Fakten ist oft mit hoher krimineller Energie gepaart. So bemühen Personen und Gruppen aus der rechten politischen Szene, zu denen auch die antisemitische QAnon-Bewegung und ihre Anhänger zählen, gerne die alten und neuen antisemitischen Mythen der Weltverschwörung der Juden und stacheln so zu Gewalt gegen jüdische Menschen an.

Es gibt viele alte Verschwörungserzählungen, die auch heute noch, manchmal in veränderter Form, nachwirken, eine kleine Liste: Die Juden haben Jesus ermordet und später die Brunnen vergiftet und damit die Pest verursacht; die Erde ist eine Scheibe; Finanzkapital und Juden wollen die Weltherrschaft; die Spekulationen um Jack the Ripper; eine Verschwörung von Aufklärern und geheimen Gesellschaften hätten die Französische Revolution geplant, um die Weltherrschaft zu erlangen; die berühmte Dolchstoßlegende; die Mondlandung war ein Fake; die Impfungen werden von Pharmaindustrie und Prominenten genutzt, um den Menschen Chips einzuimpfen, sie fernzusteuern und die Weltherrschaft zu übernehmen. Die Krankheiten, die eine Impfung notwendig machen sollen, seien von den Juden in die Welt gesetzt worden. Die Liste könnte fast ad infinitum fortgeführt werden. Deutlich wird, dass ältere Verschwörungsmythen insbesondere religiöse Bereiche betrafen, seit der Aufklärung auch politische. Dabei spielt die Angst vor geheimen Mächten, die nach der Weltherrschaft gieren, eine zentrale Rolle. Bis heute haben sich antisemitische Verschwörungsmythen durchgehalten.

Eine Verschwörungserzählung wurde in der ganzen Aufzählung nur am Rande berücksichtigt; sie findet in der Regel auch in Büchern oder Artikeln, die sich mit Verschwörungen beschäftigen, keine Beachtung:  Die Religionen.

Sie durchziehen die gesamte Menschheitsgeschichte mit Mythen, Märchen und Erzählungen, die sich jeglicher wissenschaftlichen Falsifizierung entziehen und anstelle von Fakten den Glauben setzen. Bei der Beurteilung der Religionen geht es nicht vorrangig um die Kritik der überkommenen und teils lächerlichen Alltagsriten, die jede Religion im Laufe der Zeit entwickelt hat, sondern um die Kritik der Basis aller Religionen, der Glaube an Götter, einen Gott oder sonstige übernatürliche Kräfte, die das Leben jedes einzelnen von Geburt, vielleicht auch schon davor, bis über den Tod hinaus bestimmen. Sämtliche Kriterien zur Bestimmung einer Verschwörungserzählung können hier zur Anwendung kommen, von der intelligenzunabhängigen Dummheit bis zur bewussten und bösartigen Täuschung.

© 2021 Norbert Gramer. Unveröffentlichtes Manuskript: Tanzbären 2.

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Sehnsucht nach Normalität

Kaum ein Wort, neben Corona-Krise, oder -Diktatur, oder –Blase, oder –Chaos, Impfpflicht, Lockdown, Brennpunkt, wird in der Zeit des grassierenden Covid-19-Virus so häufig bemüht und beschworen wie Normalität. Und „es geht ein Gespenst um“, das der neuen Normalität. Nach der alten sehnt man sich, da wollen die Politiker, die Ökonomen, die Bürger hin. Doch was ist Normalität?

Da hilft zunächst ein Blick in ein Lexikon. Wikipedia, das Volkslexikon, führt zwei Erklärungsversuche an, einen aus der Soziologie, einen aus der Psychologie.

Normalität bezeichne demnach in der Soziologie das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden müsse. Dieses Selbstverständliche betreffe soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt.

Die Psychologie erkläre Normalität als ein erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, behandlungsbedürftigem, gestörtem, abweichendem Verhalten.

Das sind knappe Erklärungen, die nicht normalitätsgerechtes Verhalten flugs in die Ecke behandlungsbedürftig oder gestört verweist. Auch scheint man über Normalität nicht mehr diskutieren zu müssen, es ist eine Selbstverständlichkeit, Abweichungen deuten darauf, dass in Erziehung und Sozialisation etwas schiefgelaufen sei. Nun, so simpel sehen selbst Soziologen und Psychologen das Thema Normalität nicht.

Der Verweis am Schluss der kurzen Erklärung auf Spektrum.de, das Lexikon der Psychologie, hilft auch nicht viel weiter. Zum einen findet sich dort der Grundtext für den Wikipediaeintrag, zum anderen der Verweis auf verschiedene psychologische und psychotherapeutische Lehransätze. Im Zentrum steht auch dort das abweichende Verhalten als Krankheitsform, sie reicht vom erlernten, dann unveränderbaren abweichenden bis zum medizinisch-psychiatrischen Verhalten. Der knappe Hinweis, dass das Verhalten und die Definition von Normalität kulturabhängig und von der sozioökonomischen Basisstruktur abhängig sind, also von sämtlichen Bedingungen der einzelnen Gesellschaften und auch der Zeit, in der sich diese Gesellschaften befinden, ändert nicht viel an der Grundtendenz des Artikels. Die Psychotherapie wird demnach dazu benutzt, abweichendes Verhalten und psychische Erkrankungen, die teilweise aufgrund der bestehenden Verhältnisse entstehen, also aufgrund der bestehenden Normalität, wieder an diese Normalität anzupassen, den Erkrankten zur Aufrechterhaltung der Produktivität zu „heilen“, damit er im allgemein anerkannt Selbstverständlichen funktioniert.

Einigen wir uns, um das Thema zu simplifizieren, auf die Definition: die Normalität ist das Selbstverständliche, das, wie es ist, das, wie es sein soll, das, was so bleiben soll. Bürger, auf der Straße gefragt, wünschen sich, dass es so werde wie vorher, Politiker und besonders Ökonomen fordern den Zustand wie vor der Corona-Krise. Aber was wünschen sie sich? – gab es doch am Anfang der Pandemie auch euphorische Stimmen, die eine Chance zu Veränderungen sahen – oder zumindest doch erhofften –, im Persönlichen, im Umweltschutz, im Verkehr, in den Schulen, an der allgemeinen Situation, in den zwischenmenschlichen Beziehung und den Lebens- und Arbeitsverhältnissen.

Jetzt, nach Monaten der Pandemie, den verschärften Einschränkungen wird die Normalität herbeigesehnt, das Normale, das Gewesene.

Aber womit zeichnete sich das Normale, das Gewesene, eben die Normalität vor dem Ausbruch des Virus aus?

Normal, also selbstverständlich war, dass die Geschäfte geöffnet hatten, dass man sich ohne Abstand und ohne Maske in seiner und jeder anderen Welt bewegen konnte; dass man keine Rücksicht auf andere nehmen musste, sich vordrängeln konnte, außer in Ländern, in denen das In-der-Reihe-stehen schon Kindern gelehrt wird; dass man mit seinem Auto, ein möglichst großes und Status schaffendes, in jeden Winkel dieses Landes fahren konnte, ohne vielleicht in jenem Winkel zu einer Quarantäne verpflichtet zu werden; dass man sich in den Nachrichten auch über andere Themen als die Pandemie informieren konnte, und nicht erst am Rande erfährt, dass Flüchtlinge in Bosnien-Herzegowina, einem aussichtsreichen Kandidaten für den Beitritt in die EU, im Schnee, bei Minusgraden, in provisorischen Zelten hausen, und von der Hand in den Mund leben müssen, dass Milliarden ausgegeben werden, um weitere Autobahnen zu bauen, ohne den öffentlichen Nah- und Güterverkehr auch nur ansatzweise zu berücksichtigen; dass – die Liste ließe sich ins ad infinitum fortführen. Das war und ist das Gewesene, dahin wünscht man sich zurück, ohne zu erkennen, dass das Gewesene nie aufgehört hat, zu existieren. Es ist nur ein wenig aus dem medialen Focus verschwunden. Die Normalität findet nur unter anderen Bedingungen statt, die Umweltverschmutzung und die Erwärmung der Atmosphäre finden weiter statt, das Artensterben auch, die Kommissionen und Arbeitstreffen auch; die Rodung der Regenwälder macht keine Pause, Millionen von Quadratkilometer werden für die auf Soja basierende Milch oder die Veggiburger, für den Anbau von billigem Palmöl in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie oder Getreide für unseren Biosprit oder für Weideflächen, um noch mehr Rinder für unseren übermäßigen Fleischkonsum halten zu können, geopfert. Und auch die Verhandlungen um ein Wirtschaftsabkommen mit den für die Rodungen zuständigen Regierungen gehen weiter, um unsere Bedürfnisse des immer mehr zu befriedigen. Die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößert sich weiter. Und wir alle häufen den Reichtum der Pichais, Zuckerbergs, Bezos, Musks und der Influenzer-Sternchen am Instagramhimmel auf. Die Sucht nach Immer mehr, nach Wachstum, das von Finanz- und Realmärkten, Ökonomen und Politikern wie ein Götze, vielleicht auch wie ein monotheistischer Geldgott angebetet wird, nach Profitmaximierung, nach explodierenden Kursgewinnen, das ist die Sehnsucht nach der Normalität.

© 2021 Norbert Gramer. Aus unveröffentlichtem Manuskript: Tanzbären 2.

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Dumm, dümmer 1: ein Horrortrip durchs TV-Vorabendprogramm

Jeden Abend, vor acht. Ab etwa sechs Uhr. Da erfahren wir in kleinen, portionierten TV-Spots ‑ unverzichtbar, unentrinnbar, jedenfalls für die, deren Fernbedienung keine Off-Taste mehr besitzt ‑ etwas über die Welt der wirklich Wichtigen, der VIPs, der Celebrities, der G- bis Z-Prominenten, der Promis, wie wir Kenner, wir Eingeweihten sagen, der Reichen ‑ eine Sondersendung widmet sich exklusiv den Superreichen ‑ und doch so Geplagten, aber auch der Aussortierten. In Soaps geben uns jene Gs bis Zs ein Beispiel ihrer Schauspielkunst, lächerliche Dialoge, lächerliche Mimik, lächerliche Posen ‑ Possen? ‑ wie ein Trupp Laienschauspieler, nein, schlechter, jede Theater-AG an Gymnasien mimt besser.

Wir lernen in dieser Zeit vor acht wie dünn, wie unwichtig doch unser alltägliches Leben ist, so ohne Spannung, ohne Highlight, ohne … alles, alles, was zählt.

Zu wem oder was leiten uns die sonnengebräunten, glatten, gestylten Moderatorinnen und Moderatoren? An welchem und wessen Leben dürfen wir gnädigerweise teilhaben? An dem gestylter Models, reicher, so genannter Influenzer – heißt: Verführer, Verführer kleiner Mädchen, die ihnen zu Tausenden folgen, ihre angepriesenen Produkte kaufen, so sein wollen, wie sie. An dem der Reichen und Schönen, oft auch nur schön operierten, geglätteten, die beim näheren Betrachten gar nicht mehr so schön sind, an den Leben der Unerreichbaren, der Angebeteten, der Unberührbaren (unberührt? passt hier nicht wirklich gut) und Ungerührten, der für Normalsterbliche Unerreichbaren … „Was tat man den Mädchen“ sang Konstantin Wecker vor 30 Jahren, „Man verdirbt sie mit Prinzen/und statt ins Leben zu sinken/wollen sie fliegen/und ertrinken“ (schöner Gedanke) … Mittlerweile ist das das Leben. Style, VIP, das Ich als Reklame, jedes Gesicht ein aufgespritzter Werbeträger. Die schmarotzenden VIPs leben von Ertrunkenen. Heute brauchen wir die Moderatorinnen und Moderatoren nicht mehr – nur noch für ältere Zuschauer -, in Zeiten von Instagram und Twitter und Facebook und YouTube können die Gs bis Zs direkt und ohne Mediation in die Hirne junger Menschen kriechen und deren Teilhabe zur Selbstaufgabe pervertieren.

Aus: Tanzbären und Stabpuppen. Vom alltäglichen, politischen und religiösen Wahnwitz. Rubrik: Mediales und anderes aus der Welt von  Kitsch, Kultur und (Un)Bildung

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Gedankenloser Dreck

Sie sind grün, anthrazit, orangefarben, vielfarbig; quadratisch oder rund oder oval, manchmal mehreckig, aus Edelstahl oder Plastik, mit bunten Aufdrucken, innovativen Formen, manche könnten von Luigi Colani entworfen worden sein: Mülleimer. Am Straßenrand und in Bahnhofsdurchgängen, Fußgängerzonen, Gassen und auf Rastplätzen stehen oder hängen sie, immer bereit, unseren Dreck, unseren Abfall aufzunehmen.

Manche stehen oder hängen ganz umsonst, darben ein leeres Leben. Denn um sie herum ist ja so viel Platz für Müll und Dreck. Biomüll, Plastikmüll, Restmüll, aller Müll der Straße, den Plätzen. Freiheit den Verdreckern. Man wickelt aus, packt aus, raucht zu Ende und überlässt den Rest der Straße, rotzt auf sie, die entsüßten Kaugummis gleich hinterher, und auch das zerknüllte verschnupfte Papiertaschentuch.

In früheren Zeiten – den auch nicht besseren – schüttete man seine Notdurft noch aus dem Fenster in die Gassen, heute überlässt man das den Hunden ‑ gibt es auch zweibeinige? –, sie hinterlassen ihre Spuren an Hauswänden, auf Straßen, Treppenaufgängen, Gehwegen, Kinderspielplätzen; neben der Kotze von noch gestern Besoffenen.

Weggeworfenes begleitet unsere Wege, McDonalds-Tüten, Schokoladenhüllen, Zigarettenschachteln, Bier- und Coladosen, Kippen, Bananen- und Apfelschalen, Zeitungen und Wurfsendungen, sehr beliebt auch Pistazienkernschalen und Fahrkarten oder Parkplatzzettel, jüngst auch Einwegmasken ‑ und später Menschen. Wegwerfen muss lange eingeübt werden, ohne nachzudenken, dann geht es aber mit allem. Menschen hinterlassen realen, materiellen Dreck auf Straßen und in Landschaften, in ihre Köpfe drängt sich der von TV-Serien vor acht oder sechs oder von rechten Parolen in den (a)sozialen Netzwerken.

Aus: Tanzbären.
Rubrik: Alltägliches oder „Ich, Ich, Ich vor Du“ – Unterwegs.

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Apropos Verkehr – Der letzte Tanz auf dem Vulkan

Klimatologen und Umweltschützer warnen, eindringlicher als in früheren Zeiten, vor der Erderwärmung, dem Ansteigen der Meeresspiegel, zunehmenden Unwettern, dem Abschmelzen der Eisschichten in der Arktis, in Grönland und der Antarktis, vor Flüchtlingsströmen und Ausdehnung der Wüsten. All diese Konsequenzen der Erwärmung der Erde wurden vorhergesagt, nein, nicht von Wahrsagern, die scheinen die heutigen Politiker und Konzernbosse und Industriemanager und manche zumindest bildungs- und lernresistente Bürger zu befragen, ob es denn wirklich so schlimm komme, nein, von anerkannten Wissenschaftlern, die schon ab den 1950er Jahren Szenarien aufzeigten, wie es zum Beispiel bei steigendem CO2-Verbrauch in einigen Jahrzehnten auf der Erde aussehen könnte.

Sie wurden verlacht, nicht ernst genommen, Ergebnisse aus Unkenntnis und Profitgier angezweifelt und ignoriert. Heute weiß man mehr, die Konsequenzen werden immer sichtbarer, die Einsicht bleibt – trotz aller Bekundungen – gering, die Maßnahmen noch geringer.

Manche denken auch: Jetzt erst recht, veranstalten wir eine Party auf dem Vulkan. Wenn es schon bald vorbei sein soll, will Ich noch einmal alles genießen.

Da erscheint gleichzeitig zu einem Bericht der UNO, dass der CO2-Anstieg nicht gestoppt ist, sondern dass er sich wieder erhöht hat, die Nachricht, dass 2019 mehr als eine Million SUVs und Geländewagen verkauft wurden, ihr Marktanteil jetzt bei 30 Prozent liegt. Diese Wagen sind teilweise doppelt so schwer wie kleinere Wagen, verbrauchen zwischen 11 und fast 20 Liter pro 100 Kilometer, benötigen in der Herstellung mehr Rohstoffe als andere Fahrzeuge und erzeugen mehr Feinstaub. Aber der Verkaufstrend ist ungebrochen. Bis 2050 – ach, das ist doch das Jahr, in dem die EU ein CO2-freies Europa anstrebt – sollen mindestens 50 Prozent aller Automobile SUVs sein. Selbst wenn ein Teil dieser als E-Autos auf den Markt kommen, werden die Tonnen schweren und bis zu 500 PS starken Wagen Unmengen an Rohstoffen für die Herstellung der Batterien verschlingen, um deren Grundstoffe in Südamerika schon jetzt ein erbitterter Kampf tobt.

„Sieben Kontinente, ein Planet“ hieß eine Terra-X-Reihe, die vor einiger Zeit ausgestrahlt wurde – vom ZDF, gehört laut braunen und blauen Volksrettern zu den Staats- und damit Lügenmedien. Der erste Kontinent, der ausführlich vorgestellt wurde, war die Antarktis. Bezaubernde Bilder von Eislandschaften, faszinierenden natürlichen Schneeskulpturen und gefrorenen Szenerien, die die Schönheit des Kontinents zu erfassen suchten, wechselten sich ab mit Filmsequenzen, die die Fragilität des Kontinents und die Gefährdung der Fauna durch das Abschmelzen und Verschwinden des Eispanzers aufzeigten. Kurz nach der Ausstrahlung schien die Werbung für so genannte Expeditionskreuzfahrten zur Antarktis zuzunehmen. Führende Reedereien boten ausgiebige Fahrten von Argentinien zu ausgewählten Highlights der Antarktis an und lockten mit der Aussicht auf Abenteuer, dem Blick auf beeindruckende Eisberge und –landschaften, die Nähe zur antarktischen Tierwelt.

Noch einmal einen letzten Blick auf eine Gegend der Erde werfen, an deren Zerstörung die vielen Ichs, die mit einem Drink auf dem Sonnendeck sitzen, beteiligt sind und die sie zu verantworten haben.

Aus: Tanzbären.
Rubrik: Alltägliches oder „Ich, Ich, Ich vor Du“ – Unterwegs.

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The Land of the free – ein früher Abstecher

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang einst Reinhard Mey. Um die Freiheit über den Wolken zu erleben, muss man heute erst einmal durch den Sicherheits-Check. Und wenn man in das „Land of the free“ reisen möchte, geht es nicht, ohne die Freiheit zuerst einmal bis zur Unfreiheit zu verstümmeln. „Gut, dass die so genau untersuchen, dann kann nichts passieren“, hört man Touristen, die zunächst einmal als potentielle Terroristen eingestuft sind, sich selbst beschwichtigen. Für diese scheinbare Sicherheit geben sie gerne ihre Freiheit und Würde auf. Algorithmen bestimmen, wer besonders durchsucht werden muss. Sie öffnen nicht nur ihre Taschen, Rucksäcke, Laptops und Smartphones, sondern ihr Innerstes, nur um die Freiheit über den Wolken und die eines Landes, das, tief verletzt, immer noch im Krieg gegen den Terrorismus sich befindet und seine Freiheit und Überzeugungen diesem opferte, zu genießen.
Doch es ist die Freiheit, die nur sie meinen. Es ist die Freiheit, große, Benzin fressende SUVs oder sogar Trucks zu fahren. Die Freiheit, sich einen Präsidenten zu leisten, dessen Psychopathie das eigene Land und andere Staaten an den Rand des Abgrunds bringt – zum Wohl derer, die schon satt sind. Die Freiheit, auf alle internationalen Abkommen, die Menschenrechte oder allgemein anerkannte Konventionen zu pfeifen.

Es ist aber auch das Land, in dem auf die Freiheit verzichtet wird, mit 180 oder 220 Std/km über Autobahnen zu rasen. Da gleitet man gelassen und ruhig dahin; und damit sind wir wieder bei der Bahnfahrt – halt, noch nicht.

Aus: Tanzbären.
Rubrik: Alltägliches oder „Ich, Ich, Ich vor Du“ – Unterwegs.

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Kriegsschauplatz oder wieder in der Heimat

Zurück. Entspannt. Die Gedanken hängen noch an Stränden, Bergseen, ruhigen Spaziergängen, gemütlichen Fahrten durch bezaubernde oder atemberaubende Gegenden – vorbei.
Ein überholender BMW, dicht gefolgt von einem ehrgeizigen Golf und einem selbst bei 180 Std/km lichthupenden Audi jagen sich über die dritte Fahrspur der Autobahn, blinken jeden Trödler, also Richtgeschwindigkeitsfahrer, von ihrer Spur – spätestens dann ist gewiss: Man ist wieder im Land der Freien, der libidinös mit ihrem Auto Verbandelten.
In Deutschland, dem Land der unseren, dem Land mit unserem Volk, wird vieles reguliert. Baum und Strauch im Garten müssen wissen, dass sie nur eine bestimmte Höhe erreichen dürfen oder eine zu große Annäherung an das Territorium des Nachbarn nicht erlaubt ist; Die Schrägen und Farben der Dächer, die Größe und Dicke der Fenster, die Entweichung der Warmluft, die notwendigen Umweltschutzbestimmungen sind festgeschrieben. Bauvorschriften sind wie ein Korsett, reglementieren jeden Zentimeter eines Baus.
Ein kompliziertes Abgaben- und Steuergeflecht durchdringt jeden noch so kleinen Verdienst, je größer der Verdienst, oder besser Gewinn, desto größer allerdings sind auch die Löcher im Geflecht.
Das gesamte Leben ist eingezwängt in ein umfassendes administratives Regelwerk, es gleicht den Vorschriften einer rigiden, fundamentalistischen Religion mit fleißigen Beamten als Wächter.
Nur der Straßenverkehr – aber auch die Vorschriften, die erwirken sollen, dass Fahrzeuge nicht zu viel Umweltschaden anrichten – gleicht einem ungezügelten Paradies, in dem es ein paar unverbindliche Leitlinien gibt. Produzenten dürfen ungestraft lügen und betrügen, die Politik hält eine schützende Hand über sie; die Konsumenten dürfen die gefühlte letzte Freiheit im sonst durchgeregelten Leben ausleben und ihre innersten Bedürfnisse befriedigen: Sie rasen, beleidigen, bedrängen, filmen und fotografieren Unfallverletzte oder –tote, behindern und belästigen Rettungskräfte und verteidigen die Freiheit, auf der Straße so zu sein, wie sie wollen – rücksichtslos.

Da wünscht sich so mancher eine ruhige Bahnfahrt – oder, in das andere Land der Freiheit, in das vielbesungene „Land of the free“.

Aus: Tanzbären und Stabpuppen. Vom alltäglichen, politischen und religiösen Wahnwitz. (im Folgenden: Tanzbären).
Rubrik: Alltägliches oder „Ich, Ich, Ich vor Du“ – Unterwegs.
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
ISBN: 978-3-752-88675-7

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